Column – And Then?

Ich studiere nun schon seit sechs Jahren. Seit sechs Jahren habe ich also – bewusst oder unbewusst – jenem Tag entgegen gefiebert, an dem ich meinen Block zuklappen konnte, die Stifte weggepackt habe und gedacht habe: das war’s. Das war mein letzter Tag an der Uni, das letzte Mal in einer Vorlesung, das letzte mal in einem Kurs referiert, sich an die Fakultät geschleppt (der Weg wäre mir leichter gefallen, wenn Pokémon Go bereits vor sechs Jahren erfunden worden wäre). Klar, ich habe noch zwei Hausarbeiten ausstehen, die ich vor dem Sommerurlaub noch schnell runterschreiben will, ehe ich mich dann ab September an meine Masterarbeit setze. Klar, ich muss noch in Sprechstunden, die Bibliothek und meine Fakultät hat mich an diesem Tag vor einer Wochen sicher auch nicht das letzte Mal gesehen. Doch letzten Dienstag war es soweit, ich saß das letzte Mal in einem Kurs, habe das letzte Mal beim Blick auf die Uhr gestöhnt (warum gibt es an der Uni bloß keine Klimaanlage, wer soll bei der Hitze den Kopf anstrengen?) und habe dann meine Sachen aus dem Spind geholt und bin gegangen. Und dann?
Jener letzte Tag, auf den ich nun seit geraumer Zeit wirklich bewusst gewartet habe, einfach da ich nach sechs Jahren das Studieren langsam Leid war, fühlte sich am Ende doch gar nicht so heroisch an, wie ich mir in Gedanken immer ausgemalt hatte. Mein Freund hat mich von der Uni abgeholt und wir sind zum Sushi essen gegangen, vielleicht auch ein wenig deshalb, da ich das Gefühl hatte, irgendetwas Bedeutendes, Besonderes an diesem Abend unternehmen zu müssen. Um mich später daran zu erinnern. Noch vor einem Jahr hatte ich mir ausgemalt, wie Freude strahlend ich meine Fakultät verlasse, mit Partyhut und Sektflasche in der Hand. Stattdessen bin ich nun eher erfüllt von Ernüchterung und vielleicht auch ein wenig Angst. Es ist ganz schön bequem, sich jahrelang hinter Büchern zu verstecken und den Zeitpunkt, an dem einen die Realität schlussendlich einholen wird, auszublenden, zu verdrängen. Statt Texte lesen und Essays schreiben habe ich also eine Handvoll Bewerbungen herausgeschickt, ohne genau zu wissen, ob ich mich am Ende überhaupt über eine Zusage freuen würde. Arbeiten, vierzig Stunden täglich, Urlaub nehmen, anstatt blau zu machen, das klingt alles zu sehr erwachsen, bin ich wirklich schon bereit dafür – mit fast 27 Jahren?
Ich weiß, ich bin gut in den Dingen, die ich mache. Ich habe während des Studiums schon viel gearbeitet, ob neben der Uni, in den Semesterferien oder freiberuflich daheim, ich weiß längst, wie das geht. Und doch gab es da etwas, das mehr Priorität hatte, auch wenn man diese vielleicht nicht immer so gesetzt hat, wie man es hätte tun sollen. Zumindest konnte man sich immer einreden, dass man ja hauptberuflich Student ist, dass die Uni Vorrang hat, dass man Arbeit deshalb auch mal absagen musste und am Ende dann doch im Serienmarathon vor dem Computer versackt ist. Kennt jeder, zumindest jeder, den ich kenne. Es gab immer diesen Puffer namens Studium, der zwischen mir und dem Ernst des Lebens stand. Und jetzt? Ist auf einmal Schluss mit Taschengeld und Studienkredit. Jetzt muss man sein eigenes Leben in die Hand nehmen, Verantwortung zeigen. Und ich stelle fest, auch mit 27 wünscht man sich manchmal an die Hand genommen zu werden. Stattdessen wage ich wie alle nun den Sprung ins kalte Wasser.
LL

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